Purer Lebenswille

Fortsetzung von Emilios Geschichte

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RE: Emilio: "Darf ich bitte leben, ich möchte doch so sehr"?

Emilio lag noch in seinem Transportkorb und war von den Vorbereitungen völlig unbeeindruckt. Die Erleichterung, sich endlich wieder in seiner gewohnten Umgebung, mit geliebten Lebewesen zu befinden, war ihm deutlich anzumerken.
Ganz vorsichtig hob ich meinen Kater aus dem Korb und legte ihn auf seinen Platz. Vorab hatte ich das Wohnzimmer abgedunkelt. Meine Söhne waren vorab bereits über die Situation informiert worden. Selten habe ich Teenager gesehen, die so empathisch reagiert haben. Daniel und Alexander bewegten sich äußerst leise durch die Wohnung und verzichteten auf den Besuch von Freunden. Sie waren ohnehin durch das leidvolle Jahr 2011 seelisch gezeichnet. Am 06.07.2011 verstarb ihr geliebter Großvater. Der Mensch, der ihr Leben entscheidend geprägt hatte, der Beiden das Laufen beigebracht und ihre erste Liebe miterlebt hatte. Unsere 13-jährige Hündin Kira folgte Opa ein paar Wochen später.
Und jetzt, jetzt stand schon wieder ein geliebtes Wesen auf der Schwelle zwischen Leben und Tod. Wie gesagt, auf der Schwelle. Diesmal hatten wir die Chance, einen Kampf zu führen, dessen Ergebnis nicht absehbar war. Manchmal fällt der Samen des Schicksals auf fruchtbaren Boden, warum sollte Emilio nicht davon profitieren.

Wir waren mehr als bereit, mit Emilio diesen schweren Weg zu beschreiten. Zunächst war das Wochenende die Hürde, die zu bewältigen war.

Emilio orientierte sich kurz, schnuffelte noch einmal und fiel dann in einen tiefen, hoffentlich erholsamen Schlaf. Nur das gelegentliche Zucken seines Oberkörpers ließ erkennen, dass er unterbewusst kämpfte.
Was ging wohl in seinem Kopf vor. Ob er das Geschehene noch einmal erlebte, das Geräusch des Fahrzeuges, das bleibende Schäden verursachte. Die Angst vor der Nacht ohne Menschen und Rudel, die Ungewissheit, den nächsten Tag erleben zu dürfen?

In der Nacht wachte er häufiger auf und erkundigte sich mit leisem Wimmern und Maunzen, ob sein Zweibeiner noch in der Nähe ist. Sobald ich meine Hand auf seinen Körper legte, schien er sich sofort zu beruhigen und schlief wieder ein. Nach der unruhigen Nacht, in der ich immer wieder zwischendurch schaute, ob mein Kater noch atmet, hieß ich den nächsten Morgen willkommen. Eine überstandene Nacht bedeutete ja auch einen weiteren Schritt ins Leben zurück!


Emilio war aufgewacht, die zahlreichen Prellungen sorgten jedoch dafür, dass er nur mühsam den Kopf heben konnte. Er schaute mir in die Augen und schien zu fragen: „Wie soll das jetzt mit mir weiter gehen?“

Mein Wahlspruch gerade in extremen Situationen lautet: „Geduld, Ruhe und Zuversicht ist das Fundament, auf dem die Welt erbaut wurde.“ Alternativen gab es nicht, und Aufgeben kam überhaupt nicht in Frage!

Über Nacht hatte Emilio Urin abgesetzt. Leider nicht in der Menge, die hätte sein müssen. Seine Blase konnte er offensichtlich nicht steuern, das war ein Punkt, den ich bei Dr. Schullenberg ansprechen musste. Einen Termin hatten wir ja bereits am Freitag vereinbart. Emilio machte darauf aufmerksam, dass er sich in seiner derzeitigen Lage unwohl fühlte. Also entfernte ich die Einmalauflagen, legte neue Handtücher auf und machte mir Gedanken, ob er sein Futter annehmen würde. Einen Versuch war es wert, da er ja seit Donnerstag nichts mehr zu sich genommen hatte. Ich pürierte sein Lieblingsfutter und versetzte es mit 2 Esslöffeln Wasser, da Emilio auch nicht trank. Das angebotene Wasser aus dem Napf konnte er nicht aufnehmen, das war wohl zu schmerzhaft. Den flachen Teller mit dem Futter-/Wassergemisch stellte ich vor Emilio hin. Er hob den Kopf und drehte seinen Oberkörper in Richtung des herrlichen Duftes. Nach kurzem Schnuffeln war der Hunger größer als der Schmerz, und man hörte nur ein zufriedenes Schmatzen und Schlürfen.

Er verschlang das Futter in kürzester Zeit, verständlich, wenn man bedenkt, dass er seit seinem Unfall nicht mehr gegessen hatte. Nachdem auch der letzte Krümel vom Teller verschwunden war, legte Emilio sich erschöpft zurück und schlief schnell tief und fest.

Für 12:00 Uhr war ein Behandlungstermin mit Dr. Schullenberg in der Praxis vereinbart. Nach der ausgiebigen Begrüßung untersuchte „Schulli“ Emilio ganz vorsichtig. Sie zog ihm zwei der zersplitterten Zähne, weil sie drohten, die Mundschleimhaut zu verletzen. Nach der Gabe von Schmerzmitteln vereinbarten wir einen weiteren Termin für den Abend. Emilio verschlief den restlichen Tag, und wüsste ich nicht, dass Katzen ohnehin auf leisen Pfoten schleichen, hätte ich vermutet, dass der Rest des Rudels über das Laminat geschwebt ist. Ich habe keine andere Katze gehört, obwohl die sich sonst schon mal raufen und eigentlich nicht besonders leise gehen. Die Redensart: „Der Körper gesundet im Schlaf.“ war auf Emilio uneingeschränkt anwendbar.

Als seine Tierärztin „Schulli“ ihn am Abend liebevoll ansprach, war er schon deutlich aufnahmefähiger. Sie untersuchte ihn erneut sehr, sehr behutsam und sprach ganz leise aufmunternd mit ihm. Sorge bereitete ihr die prall gefüllte Blase. Emilio konnte seinem Harndrang nicht nachgeben beziehungsweise ihn nicht steuern, die Blase hatte als solche ihre Funktion eingestellt und fungierte lediglich als Überlauf. Urin wurde in der Blase gesammelt, konnte aber auf natürliche Art und Weise nicht abgeführt werden, sondern lief über, sobald die Blase zu voll war. Dr. Schullenberg nahm Emilio vorsichtig auf und ging mit ihm zum Spülbecken in der Küche. Sie drückte mit schnellen, routinierten Griffen die Blase manuell aus und zeigte mir nebenbei, mit entsprechenden Erklärungen, wie das geht.

Der Anblick des Urins versetzte mir einen Schock. Blut, ganz viel Blut im Urin! Der war nicht mehr gelb oder durchsichtig, sondern vom Farbton her tiefrot. Dr. Schulli beruhigte mich und klärte mich auf.

Nach einem Verkehrsunfall, so wie ihn Emilio erlitten hatte, ist es völlig normal, dass sich Blut im Urin sammelt, verletzte Muskeln, Fasern sorgen für eine Rotfärbung des Urins. Laut Röntgenbild war die Blase intakt, von daher brauchten wir uns zunächst nicht zu sorgen. Eine intakte Blase, mit dem entsprechenden Gefühl dafür, wäre jetzt schon toll gewesen. Da das nun mal in der derzeitigen Situation Wunschdenken war, leitete Dr. Schullenberg mich noch praktisch an, was das manuelle Entleeren der Blase anbelangt. Sie hat das auch mehrfach versucht, nur war ich nicht in der Lage, das verrnünftig umzusetzen. Jedes Mal, wenn ich versuchte, Emilios Blase auszudrücken, maunzte er. War es Schmerz oder mein unbeholfener Handgriff?

Ich konnte es nicht beurteilen. Was ich konnte, war, meine Unfähigkeit einzugestehen. Dr. Schullenberg sollte am nächsten Tag auch dafür eine Lösung zur Hand haben. Am Sonntag legte sie Emilio nach einer örtlichen Betäubung einen Katheter, vernähte ihn und verschloss ihn mit einem Drehstopfen. Problem erkannt, Problem gebannt. So ist sie halt eben, immer kompetent pragmatisch. Sie nahm meine Hand und zeigte mir, unter Führung ihrer Hand, wie sich eine prall gefüllte Blase anfühlt (wenn ich das beschreiben müsste, würde ich sagen, wie ein Tennisball, der sich in den hinteren Bauchraum verirrt hat). Der Stopfen wurde aufgedreht, die Blase von unten gestützt, von oben gedrückt, und schon lief es, immer noch verfärbt, nur heller. Das würde ich wohl jetzt häufiger machen. Emilio lag da und ließ den ganzen Vorgang in der ihm eigenen Gelassenheit über sich ergehen. Das Abhorchen der Lunge offenbarte keinen guten Befund. Sie hörte sich feucht an. Das heißt: neben den normalen Atemgeräuschen hört man ein Knistern oder Rasseln, welches durch abgelöste Sekrete oder Ödemflüssigkeit ausgelöst wird. Die Lunge wird dann nur unzureichend belüftet, und es droht eine Lungenentzündung.

Um eine schwerwiegendere Erkrankung zu vermeiden, war es jetzt nötig, meinen Kater regelmäßig umzulagern, damit beide Lungenflügel seitengleich belüftet werden. Dr. Schullenberg verabreichte Emilio ein Antibiotikum, Cortison und ein Schmerzmittel. So war er für die Nacht gut gerüstet. Gedanken mussten wir uns noch über seine mangelnde Verdauung machen. Emilio war seit seinem Unfall nicht in der Lage, eigenständig Kot abzusetzen. Durch das Abtasten war ersichtlich, dass der Darm gut gefüllt war. Auch das Problem sollte Dr. Schullenberg am nächsten Tag lösen. Ich bin so erleichtert, dass wir das Wochenende gut hinter uns gebracht haben. Im Hinterkopf nagte immer der Gedanke, dass das schwere Schädel-Hirn-Trauma lebensbedrohlich ist. Das Wochenende quasi als unser „Lebenszeit-Fenster“ anzusehen war. Emilio hatte sich über Nacht den Katheter gezogen und schaute mich mit einem sehr selbstzufriedenen Gesichtsausdruck an. Er schien, durch sein zerstörtes Gebiss lächelnd, zu fragen: „Na, habe ich das nicht gut gemacht?“ Trotz des beständigen Austauschens der Auflagen roch es extrem nach Katzenurin. Emilio sah vollkommen zerwuselt aus und fühlte sich offensichtlich nicht wohl. Ein Dilemma! Auf der einen Seite traute ich mich nicht, meinen Kater durch eine Körperreinigung zu stressen, auf der anderen Seite zeigte er deutlich sein Unbehagen. Der Mittelweg erschien mir als vernünftige Lösung.

Mit einem feuchten, warmen Waschlappen reinigte ich die betroffenen Stellen, so gut es ging. Ich gestaltete diesen Vorgang für Emilio so angenehm wie möglich und beendete die Prozedur mit einem Kügelchen Leberwurst für ihn als Belohnung.

Da ich in dieser Woche ohnehin noch einen Termin mit Dr. Kinzel vereinbart hatte, sollte sich auch für diese Situation eine Lösung finden lassen. ---------- Der Einsatz von Windeln war mir zu diesem Zeitpunkt nicht geläufig, und richtig logisch denken war nicht möglich.------- Zu diesem Thema kehre ich später zurück.

Montagabend besuchte Dr. „Schulli“ uns nach ihrer regulären Sprechstunde. Sie hatte für Emilio einen Einlauf mitgebracht und führte die Flüssigkeit mit einem dünnen Schlauch, nach einer oberflächlichen Betäugung, in den Darm ein. Emilio war wenig begeistert und brachte das auch zum Ausdruck. Dr. Schullenberg ließ sich jedoch nicht beeindrucken und sprach beruhigend auf Emilio ein, der die weitere Untersuchung dann auch kommentarlos über sich ergehen ließ. Tapferer, kleiner Kerl!!! Eine andere Problematik war, dass er nicht trinken wollte. Er nahm zwar Flüssigkeit über die Nahrung auf, jedoch nicht im ausreichenden Maße. Dr. Schullenberg legte noch einmal eine Infusion an und unterstützte Emilios Kreislauf mit der zusätzlichen Kochsalzlösung.

Emilio war schon immer ein ganz besonderer Kater. Wir haben uns ganz bewusst für ihn entschieden, weil er eine Behinderung hatte. Durch einen Behandlungsfehler im Welpenalter ist ein Auge erblindet, der Glaskörper ist ausgelaufen und das Auge äußerlich stark vernarbt. Es sieht nicht schön aus, das hat uns aber nie gestört. Außenstehenden fällt die Behinderung auf Fotos und Videos nicht auf, weil Emilio eine unglaubliche Ausstrahlung hat. Dieser Kater hat uns bei der ersten Begegnung mit seinem Charme um den Finger gewickelt, ich hätte keinen anderen Kater haben wollen. Er war und ist etwas Besonderes und hat möglicherweise gerade wegen dieser Behinderung ein anderes Verhältnis zu Menschen entwickelt und seine Persönlichkeit durch seine unglaubliche Akzeptanz und Gelassenheit bereichert, was für die folgende Physiotherapie äußerst hilfreich war.

Dr. Schullenberg gehört zu den besonderen Menschen und Ärzten, die trotz einer lebensgefährlichen Erkrankung des Patienten ihren Optimismus nie verlieren. Die mit einem Lächeln auf den Lippen und einem Witz zur richtigen Zeit moralische Unterstützung gewähren, wo andere Ärzte schon lange aufgegeben oder eher menschlich Distanz gehalten hätten. Ohne sie hätten wir diese schwierige Zeit, mit dem letztlich guten Ergebnis, sicher nicht so gut überstanden! Daher hat sie bei uns einfach diesen unwiderstehlichen Spitznamen weg. Sie ist und bleibt unsere Dr. Schulli.


Dienstag
Mit einem Gefühl in der Magengrube, das sich am ehesten mit einem schwer verdaulichen Objekt beschreiben lässt, machten wir uns auf den Weg in die Tierklinik. Dr. Kinzel hatte einen gemeinsamen Termin mit der ebenfalls dort ansässigen Tierärztin Frau Dr. Neumann, die gleichzeitig auch als Physiotherapeutin arbeitet, vereinbart. Emilio verhielt sich während der Untersuchung sehr gelassen und eher abwartend, so als wolle er sagen: „Ihr macht das schon!“. Er ließ die Schmerzreflexuntersuchung ruhig und ohne erkennbaren Widerstand über sich ergehen, als wisse er, dass das Ergebnis dieser Untersuchung für ihn zukunftsweisend war. Mit einem Hauch von Hoffnung erklärte Dr. Kinzel, dass die Schmerzreflexe erkennbar zurückgekehrt seien. Zwar verlangsamt, es sei aber ein deutlicher Fortschritt zu letzten Untersuchung erkennbar. Lediglich der linke Vorderlauf schien sich nicht den anderen Läufen anpassen zu wollen. Emilio hielt seinen linken Vorderlauf permanent nach innen geknickt und war nicht in der Lage, ihn auch nur ansatzweise selbstständig zu bewegen. Die Hinterläufe zog er während der Schmerzreflexuntersuchung ein wenig an und zeigte damit seinen Fortschritt.

Eine selbständige Belastung der hinteren Extremitäten war völlig unmöglich. Dr. Neumann, die der Untersuchung beiwohnte, überprüfte die regulären Reflexe der Beine, untersuchte die Muskulatur und verschaffte sich einen Überblick über den körperlichen Allgemeinzustand. Eine Lähmung der Hinterläufe an sich ist ja schon tragisch, aber der Patient kann sich mit den Vorderläufen noch fortbewegen. Wenn jedoch drei Beine von der Parese betroffen sind, gestaltet sich eine Behandlung mit entsprechenden Genesungsaussichten als sehr schwierig. Entsprechend dieser Untersuchungsergebnisse unterhielten wir uns über Emilios Prognose. Dr. Kinzel sah die Genesung der Hinterläufe als sehr vielversprechend, jedoch den linken Vorderlauf recht kritisch. Dr. Neumann war anderer Meinung. Sie sah die Genesung der Hinterläufe eher kritisch, die des Vorderlaufes eher positiv.

Was nun?
Wie vermag ich einen vernünftigen Kompromiss zu finden, für ein Lebewesen, das ich liebe und für das ich die Verantwortung übernommen habe. Verantwortung heißt aber auch, zum richtigen Zeitpunkt loslassen zu können. Was würde Emilio wollen, hat er überhaupt ein lebenswertes Leben mit einer Lähmung? Er war Freigänger und das Spielen mit seinem Rudel gewohnt. Würde er darauf verzichten können? Fragen, die in geballter Form auf einen auftreffen. Entscheidungen, die aktuell und situativ gefällt werden mussten, trotz des ganzen Wirbels in meinem Kopf. Da fiel mir der Spruch von Dr. Schullenberg wieder ein: „Katzen sind unglaublich, und die schaffen viel mehr, als es im Moment den Anschein hat, vertrauen Sie darauf!“. Zeit... - Zeit schien mir eine annehmbare Lösung, eine Entscheidung konnte ich immer noch treffen.

Es kostet doch nur Zeit! Im Gegensatz dazu, was könnte ich unwiederbringlich verlieren?... Emilio... ein Leben! Als auch noch Dr. Kinzel von ihrer gelähmten Katze berichtete, war ich mir sicher. -------Zeit halt----


Wir wechselten in das Sprechzimmer von Dr. Neumann, wo sie einen individuellen Behandlungsplan für Emilio erstellte. In schriftlicher Form lag er nun vor, und Dr. Neumann verfolgte den Lehransatz: „Learning by doing“. Sie erklärte mir die einzelnen Übungen anhand vom praktischen Beispiel an Emilio. Sie machte vor und ich unter Anleitung und Korrektur nach. Fragen wurden intensiv besprochen, kleine Schwierigkeiten durch Alternativen beseitigt. Nach einer Stunde Praxis fühlte ich mich soweit unterrichtet, die Übungen zu Hause alleine gut anwenden zu können. Da Dr. Neumann der hygienische Zustand von Emilio selbstverständlich aufgefallen war, stellte sie mir die Luna-Seite vor. Luna, eine Zeit ihres Lebens gelähmte inkontinente Katze, hat mit der Unterstützung ihrer Dosi (so nennt man einen zweibeinigen Katzenbesitzer) jahrelang mit ihrer Behinderung gut und sehr lebensfroh gelebt. Lunas Frauchen hatte sich mit dem Thema „Inkontinenz bei Katzen“ intensiv auseinander gesetzt und eine gut umsetzbare Lösung gefunden, die sie im Internet veröffentlicht hat. Von diesen Ergebnissen konnten nun auch wir profitieren.

Frau Dr. Neumann hatte uns die Anleitung für das Windeln von Katzen ausgedruckt und ausdrücklich erklärt, dass ein Wundsein durch ständigen Urinfluss unbedingt vermieden werden müsse, um weitere Erkrankungen zu vermeiden. Mit neuen Aufgaben im Gepäck verließen wir die Praxis, kauften Windeln und Einmalauflagen ein. Ob Emilio, der stolze Kater, sich wohl Windeln anlegen lassen würde? Schriebe ich jetzt, dass das völlig problemlos vonstatten ging, müsste ich lügen.

Im Nachhinein stelle ich mir die Frage, wer mit wem mehr Geduld hatte. Emilio schien meine Aufregung zu spüren, meine anfängliche Ungeschicklichkeit sicher. Es dauerte schon ein wenig, bis meine Bewegungen routinierter und für Emilio auch einfacher wurden. Nach und nach optimierte sich unser System. Mit viel Übung fand sich auch die richtige Anpassung der Windel für Emilios Körper. Anfangs wickelte ich Emilio auf seinem Bett, um unnötige Bewegungen und Stress für ihn zu vermeiden. Sein Rudel ließ ihn völlig außer Acht. Beruhte diese bewusste Ignoranz nun auf der Tatsache, dass Emilio sich zwischen Tod und Leben befand und das Rudel diesen Umstand wahrgenommen hat? Ich denke schon, denn mit der Zeit änderte sich das Verhalten, dazu später mehr.

Durch das Wickeln gestaltete sich unser Tagesablauf völlig anders. Auflagen waren nach wie vor nötig, aber das häufige Waschen der Handtücher und Decken (vier Mal am Tag) entfiel und wich dem normalen Rhythmus. Emilio, der auf seinem Krankenlager etwa 1 m² zur Verfügung hatte, wurde täglich wacher und aufmerksamer. Die Wunde am Kinn heilte gut, es zeigte sich schon Schorf. Nachts schlief Emilio immer noch sehr unruhig und suchte den Körperkontakt. In meiner Angst, ihn zu verletzen, hatte ich auf der Schnittstelle beider Sofas eine Barriere errichtet, die ihm zwar ermöglichte, mich zu sehen und mir die Möglichkeit ließ, meine Hand an seinen Körper zu legen, ihn aber davon abhielt, sich zu mir rüber zu robben. Morgens stellte ich dann fest, dass Emilio sich in der Nacht bis zur Erhöhung geschleppt und eine Pfote darauf gelegt hatte. In Bewegung war er jetzt schon, mühsam, aber Hauptsache: in Bewegung!

Unser tägliches Ritual sah nun folgendermaßen aus:

Wir standen um 05:00 Uhr auf. Dann nahm ich meinen Kater auf den Arm, ging mit ihm in die Küche und legte ihn auf der mit einem Handtuch vorbereiteten Spülfläche ab. Sein Rücken zeigte zu mir und mit dem rechten Arm umfing ich seinen Körper. Emilio legte nach einer gewissen Zeit seinen Kopf in meine Armbeuge. Emilios Po wurde so platziert, dass er ein klein wenig über den Spülbeckenrand hinausragte. Dann wusch ich mit warmem Wasser und Katzenshampoo die Genitalien, die Pfoten und den Bauch sauber. Mit der Zeit passte Emilio sich so hervorragend an, dass er mit dem Kotabsatz bis zum Waschen wartete. Dann reichte schon das Geräusch des laufenden Wassers, hin und wieder eine kurze Stimulation des Afters, um den Kotabsatz auszulösen. Anschließend wurde Emilio nach dem Waschen auf ein trockenes Handtuch abgelegt und eingemummelt. Dann folgte im Wohnzimmer (dort war es einfach wärmer) der vermeintlich schwierige Teil.

Das Föhnen.

Ich war mir absolut nicht sicher, ob er das ungewohnte Geräusch und die warme Luft tolerieren würde. Aber was blieb uns anderes übrig, Alternativen gab es nicht! Ihn einfach trocknen zu lassen, wäre völlig unverantwortlich gewesen. Also setzte ich mich mit Emilio auf den Beinen auf den Wohnzimmerboden. Föhn, Bürste und vorbereitete Windel lagen neben mir. Seitwärts lag er auf meinen ausgestreckten Beinen. Ich schaltete den Föhn auf niedrigster Stufe ein. Das hohe Rauschen des Föhns ließ Emilio sich zuerst etwas sträuben. Aber sein Vertrauen war größer und offensichtlich empfand er die warme Luft als sehr angenehm, denn er entspannte sich zusehends. Mit der weichen Bürste fing ich an, das Fell an den Oberschenkeln zu bearbeiten. Die Reflexpunkte der Knie bürstete ich unter leichtem Druck und stellte erfreut fest, dass die Reflexe ausgelöst wurden. Zwar leicht, aber vorhanden. Dann folgten Bürstenstriche entlang des Rückens bis zur Schwanzwurzel. Erst mit dem Strich, dann entgegen des Striches und wieder mit dem Strich. Die Fußsohlen stimulierte ich ebenfalls mit der Bürste. Dann wurde die andere Seite entsprechend der ersten behandelt. Zum Schluss wurde der Schwanz getrocknet, aber unter Anwendung eines Kammes. Jetzt fragen Sie sich sicher: „Warum mit dem Kamm?“ Leider hatte Emilio aufgrund des Unfalles auch kein Gefühl mehr im Schwanz und konnte selbigen auch nicht mehr heben, daher wurde der Schwanz noch zusätzlich behandelt.

Mal sehen, wie Emilio mit der Windel zurechtkommt...
Es war ja wieder eine ganz andere Situation, er wurde auf meinen Beinen gewickelt, und das nach einer anstrengenden Prozedur. Da er ja bereits auf einer Seite lag, führte ich zuerst den Schwanz durch das vorbereitete Loch in der Windel (Klebeflächen enden auf dem Rücken). Die Seite ohne Klebefläche legte ich auf seinen Rücken, den verbleibenden Teil der Windel zog ich durch die Hinterläufe über den Bauch meines Katers und konnte so die Klebeleiste leicht um das Oberschenkelgelenk legen und am Rücken festkleben. Emilio legte ich dann auf die andere Seite, zog dort ebenfalls die Klebeleiste um das Gelenk (hier hat sich ein Einschneiden der Bündchen bewährt) und befestigte sie ebenfalls auf den Aufnahmestreifen am Rücken.

Voilà, nach einer Stunde waren wir dann so weit, dass Emilio wieder auf seinem Bettchen Platz nehmen konnte. Das Rudel zeigte im Laufe der Woche immer mehr Interesse. Je wacher und aufmerksamer Emilio wurde, umso näher kamen die anderen Pelzgesichter. Fox, unser halbjähriger Kater, war der erste des Rudels, der sich zu Emilio legte. Nur zum Schmusen natürlich, das Spezialfutter von Emilio war natürlich nie der Anlass für die erste Kontaktaufnahme. Fox sitzt jetzt neben mir und bestätigt das noch einmal mit einem eindeutigen „Nein“.


Zum Ende der Woche hatte ich ein Erlebnis, das ich nicht mehr so schnell vergessen werde. Dieser alte Emilio-Schlumpf…….Ich fühlte mich morgens irgendwie beobachtet, öffnete meine Augen und wer stierte mich, auf der Seite sitzend, an? Emilio!
 

22.10.13 09:27

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